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Ziel: Tuktoyaktuk – Stadt am Ende der „Arctic Road“

Am Ende des Dempster Highway. - Foto: Colin Field/NWT Tourism Am Ende des Dempster Highway. - Foto: Colin Field/NWT Tourism

Vier lange Jahre dauerte der Bau der neuen Allwetterstraße, die nun in den Northwest Territories seit Herbst 2017 als Verlängerung des Dempster Highways auf 137 Kilometern von Inuvik an die Nordküste Kanadas führt. Sie ist die erste ganzjährig befahrbare Straße zum Arktischen Ozean und damit die erste, die Kanadas drei Küsten auf dem Landweg miteinander verbindet. Allein die Fahrt auf diesem einzigartigen Highway ist ein episches Erlebnis durch ein völlig unerschlossenes Gebiet, das von einer meist zugefrorenen Landschaft aus Seen und Flüssen geprägt ist. Am Ende der Straße wartet eine arktische Gemeinde, die wilder und unberührter kaum sein könnte: Tuktoyaktuk.

Die Geschichte der kleinen Inuvialuit Gemeinde Tuktoyaktuk, die auf einer schmalen Landzunge am Rande der Beaufortsee liegt, ist sagenumwoben und legendär im Norden Kanadas. Jahrhundertelang ließen sich die Ureinwohner der Arktis bereits in diesem Gebiet nieder, um Karibus und Belugawale zu jagen. Die eigentliche Gründung Tuktoyaktuks begann jedoch mit dem Niedergang des Walfangs auf Herschel Island. Immer mehr Familien zogen von ihren Lagerstätten in die kleine Gemeinde, die ab 1937 sogar über einen Handelsposten der Hudson’s Bay Company und eine Kirche verfügte und seinerzeit unter dem Namen Port Brabant bekannt war. Im Jahr 1950 kehrte sie jedoch als erster Ort Kanadas zu ihrem indigenen Namen zurückkehrte: „Tuktoyaktuk“, was wörtlich übersetzt „sieht aus wie ein großes Karibu“ heißt. Die Einheimischen nennen ihre Stadt seit jeher liebevoll „Tuk“. Als Standort der Distant Early Warning Line (DEW Line) – eine Kette von Radarstationen entlang der US-amerikanischen und kanadischen Arktis, die zwischen 1955 und 1957 errichtet wurde – wuchs das Städtchen weiter und boomte schließlich als Zentrum der Erdöl- und Erdgasgewinnung. Vielen ist sie vielleicht auch durch ihre fiktive Universität bekannt, die berüchtigte „University of Tuktoyaktuk“, deren Name weltweit auf Hunderttausenden von T-Shirts prangt.

Tuk ist der am weitesten nördlich gelegene Ort, der in Kanada auf dem Landweg erreicht werden kann. Er liegt am Ende des neuen 137 Kilometer langen Inuvik-Tuk Highways, der geradewegs zum Arktischen Ozean führt. Und dieser Ozean hat es in sich!  Fast neun Monate lang ist er jedes Jahr mit Eis bedeckt. Auch mitten im Sommer überschreitet seine Temperatur nur knapp den Gefrierpunkt. Er ist Heimat für Belugawale, Robben und Dutzende von Zugvögeln.

Sobald das Eis des Arktischen Ozeans rund um Tuktoyaktuk geschmolzen ist, verspürt so manch einer einen überwältigenden Drang, zumindest einen Zeh in das eiskalte Wasser zu tauchen. Zu Dutzenden ziehen Besucher Schuhe und Socken aus, krempeln die Hosenbeine hoch und wagen vorsichtig den ein oder anderen Schritt in das eisige Wasser. Ein paar tapfere Seelen stürzen sich direkt hinein … vor allem um sagen zu können, dass sie in allen drei Ozeanen geschwommen sind, die Kanada umgeben. All jene, die nicht so viel Wert auf gefrorene Zehen legen, können alternativ ein wenig Arktischen Ozean mit nach Hause nehmen. Manchmal werden kleine Flaschen mit abgefülltem Meerwasser vor Ort verkauft. Oder aber, man bringt einfach seine eigene Flasche mit und füllt sich ein paar Tropfen des kostbaren Nasses ab.

Tuktoyaktuk liegt inmitten der weltweit größten Konzentration von Pingos. Diese Hügel sind eine Art periglaziale Landschaftsform, denn sie entstehen durch einen Prozess des Gefrierens und Tauens. Während ihr Äußeres aus Tundra besteht, haben sie im Inneren einen Kern aus Eis. Wie eine Cola-Dose, die sich im Gefrierschrank langsam nach außen wölbt, wächst der mit Eis angestaute Pingo stetig an. Und wie bei der Dose, wird die Spitze des Pingos irgendwann aufplatzen und der ganze Hügel in sich zusammenfallen. Es gibt rund 1.350 Pingos auf der Halbinsel von Tuktoyaktuk, dies entspricht in etwa einem Viertel aller Pingos weltweit. Der Ibyuk ist mit etwa 49 Metern der höchste Pingo Kanadas (und er wächst noch immer) und man vermutet, dass er bereits über 1.000 Jahre alt ist. Zusammen mit sieben weiteren Pingos bildet der Ibyuk das Pingo National Landmark. Lokale Ausrüster bieten geführte Touren zu diesem natürlichen Wahrzeichen der Region an. Auch direkt in Tuktoyaktuk können kleinere Pingos bestaunt werden – auf einem abgerundeten Pingo thront hier sogar ein Gebäude! Die Einheimischen nutzen die Pingos oft als Navigationshilfe.

Tuk liegt nördlich der arktischen Baumgrenze, d.h. rund um die Gemeinde ist meilenweit nur nördliche Tundra zu sehen. Trotz allem sind einige Ufer Tuktoyaktuks mit einem Gewirr von Treibholz übersät, darunter große Stämme und Stümpfe. Denn wenn der wasserreiche Frühling kommt, werden viele Bäume am Ufer des Liard und des Mackenzie Rivers entwurzelt und von der Flussströmung und vorbeischwimmendem Eis mitgerissen, um sich schließlich in den geschützten Buchten der Beaufortsee zu verfangen. Die Menschen in Tuk lebten daher seit jeher in der einzigen arktischen Gemeinde mit einer natürlichen Holzquelle, so dass sie sich schon früh Grassondenhäuser anstelle traditioneller Iglus bauten.

Diese Bauart lieferte den Menschen ein sicheres und komfortables Zuhause, in dem sie schlafen, essen, ihre Kinder aufziehen und Geschichten erzählen konnten. Der Boden wurde in die Erde eingelassen und die Behausung schließlich aus Treibholz gebaut und mit Blöcken aus Gras und Erde bedeckt. Öl-Lampen hielten die Häuser während der kalten Wintertage warm. In früheren Zeiten hatten die Grassondenhäuser Tuktoyaktuks oft die Form eines Kreuzes mit einem zentralen Raum, drei Alkoven zum Schlafen und einer langen, überdachten Eingangspassage. Mitten in Tuktoyaktuk wurde ein solch authentisches Grassondenhaus rekonstruiert, das heute zu einem Besuch einlädt.

Mehr als 20 Jahre lang trotzte der Schoner Our Lady of Lourdes mächtigen Stürmen und Eisschollen, um Vorräte von Tuktoyaktuk nach Cambridge Bay und zu den weiter entfernt liegenden katholischen Missionsstationen zu liefern. Im Jahr 1982 wurde das Schiff zur katholischen Mission in Tuktoyaktuk gebracht, wo es nun seit dreieinhalb Jahrzehnten in luftiger Höhe im Trockenen thront. 2008 erhielt das Schiff nochmals ein Facelifting, aber noch immer kämpft es gegen die Verwitterung durch Wetter und Zeit an.

Der nördliche Arm des Trans Canada Trails (auch als Great Trail bekannt) windet sich entlang des Mackenzie Rivers, überquert das Flussdelta und endet schließlich in der Gemeinde von Tuktoyaktuk. Wanderer, die sich für diesen nördlichen Teil des Weges interessieren, können ebenfalls dem neuen Inuvik-Tuk Highway folgen. Ein Monument markiert das nördliche Ende des Great Trails.

Auch wenn Tuk heutzutage Häuser im „südlichen Stil“, einen Flughafen und Internetanschluss hat, so sind die alten Traditionen hier doch immer noch ein allgegenwärtiger Teil des Alltagslebens. Besucher sind eingeladen, die Unterschiede zwischen der traditionellen und modernen Lebensform zu entdecken. Über vieles lässt sich hier so manches erfahren: die Sprache der Inuvialuit, das traditionelle Handwerk und indigene Kunst, Tanz und Musik, die traditionelle Kleidung und Spiele oder die Abernte zur Selbstversorgung und die Nahrungsmittel aus der Region. Örtliche Anbieter ermöglichen kulturelle Führungen durch die Gemeinde und die umliegenden Gebiete. Sehr spannend ist beispielsweise die vier- bis fünfstündige Whale Camp Tour von Tundra North Tours. Nach einer kurzen Führung durch das Städtchen geht die Tour gemeinsam mit einem Inuit Guide per Boot weiter. Auf der Fahrt entlang der Küste zu einem traditionellen Whale Camp können die hier heimischen wilden Tiere gesichtet werden. Das Camp selbst bietet spannende Einblicke in die Vergangenheit und das Leben der Inuit.

Besonders empfehlenswert ist es, einen Besuch rund um die alljährlich stattfindenden Festivitäten Tuktoyaktuks zu planen. Jeder Wechsel der Jahreszeiten – egal ob im Sommer, Winter, Frühjahr oder Herbst – wird in der Gemeinde gefeiert. Im Januar heißt man in Tuk die Sonne willkommen, nachdem sie für zwei volle Monate verschwunden war und die Region in Dunkelheit gelassen hat. Wenn es im April langsam wärmer wird, wird mit dem Beluga Jamboree der Frühling begrüßt, bevor der Sommer mit zahllosen Aktivitäten und Events einzieht. Anfang September vervollständigt das Land of the Midnight Sun Music Festival die Feierlichkeiten zu den vier Jahreszeiten.

Weitere Informationen über die Northwest Territories gibt es unter www.spectacularnwt.de.

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